Badebetrieb vor zwei Jahrhunderten

Luisentempel um 1800

1795 - Erste Kursaison in Sagard

Es waren zwar schon um 1750 erste Gäste in Sagard wegen der kohlengesäuerten, eisen- und kalkhaltigen Quellen nach Sagard gekommen, ein eigentlicher Kurbetrieb wurde aber erst 1795 aufgenommen.
Der ortsansässige Pastor Heinrich Christoph von Willich (1759 - 1827) war jemand, dessen praktischer Unternehmungsgeist um einiges über die beschauliche Sphäre seines Landpfarrerdaseins hinausreichte.
Nachdem sein Entschluß feststand, eine Brunnen- und Badeanstalt einzurichten, herrschte rege Betriebsamkeit auf dem Anwesen des Pastors: Einige der ergiebigsten Quellen wurden gereinigt und eingefasst, ein Badehaus errichtet, Wege und Plätze angelegt. Durch gestalterische Maßnahmen verlieh man dem Gelände der Pfarrkoppel die Erscheinung eines modernen Landschaftsparks mit heiter- romantischem Charakter, indem entsprechende Anpflanzungen, Ruhesitze und kleine Lauben zu gefälligen Partien und malerischen Szenarien arrangiert wurden.
Das Bild zeigt den Luisentempel.
Am 04.Juli 1795 öffnete die "Sagarder Brunnen-, Bade- und Vergnügungsanstalt" ihre Pforten. Erwartungvolle Gäste und neugierige Besucher versammelten sich zur allerersten großen Kurpromenade auf Rügen. Die Gäste waren beeindruckt:

"Auf einer quellenreichen Stelle der Aue, die von einem kleinem Bach umflossen wird, ist ein Brunnen- und Badehaus erbaut worden. Der Haupteingang dieses Gebäudes führt in einen Saal, der zum Versammlungsorte der Badenden bestimmt ist.
Im Hintergrunde des Gebäudes ist ein Sturzbad und zur Seite desselben ein Zimmer zu warmen Bädern eingerichtet. Die rechte Seite des Hauses enthält zwei voneinander abgesonderte steinerne Bäder, die mit den nötigen Bequemlichkeiten versehen sind und nach Gefallen der Gäste zu warmen oder kalten Bädern gebraucht werden können und auch zum Spritz-, Tropf-, Knie- oder Fußbade angelegt sind. Um diese Gebäude her wechseln offene und dichte Lauben, gemeinschaftliche und einsame Sitze an freien und schattigen Stellen, eingeschlossene und offene Plätze miteinander ab. Der kleine Bach ergötzt hier durch kleine Wasserfälle und an anderen Stellen durch sein sanftes Rieseln zwischen den geschlängelten Einschnitten der Wiese. Ungemein anmutig sind die beiden Spaziergänge längs der Brunnen-Aue, von der der eine unten, der andere höher an der Berglehen fortläuft.
An Ergötzlichkeiten anderer Art, als da sind: Karussel, Kegelbahn, Spieltische, Fortuna, Schaukel, Wippen, Scheiben, Musik und Tanz fehlt auch nicht,...."

Das lesen wir im unterhaltsamen "...Reisebericht durch Pommern und der Insel Rügen.." des literarisch ambitionierten Oberkonsistotialrats Probst J.F. Zöllner von 1797.

Gute Betreuung sicherte den Erfolg

Dass der Kurbetrieb zu Sagard von Anbeginn gut funktionierte und rasch geordnete Formen annahm, ist vor allem auch ein Verdienst von Moritz Ulrich von Willich (1750-1810), einem älteren Stiefbruder des Gründers der Kuranstalt.
Als in Bergen ansässiger Arzt, der das Amt des Landphysikus für Schwedisch -Vorpommern ausübte, unterstützte er das Unternehmen nach Kräften. So übernahm er auch die medizinische Betreuung der Kurgäste, stellte ein differenzierte Therapie-Programme auf und verfaßte eine Preisliste. Ausgestattet mit Fachkenntnis sowie dem Ansehen und Einfluß seines Amtes war Dr. v.Willich die geeignete Person, um die Öffentlichkeit über den neuen Kurbetrieb zu informieren und auch für ihn zu werben.
So verfaßte er 1796 eine mehrseitge "Nachricht vom Gesundbrunnen in Sagard". Darin schildert er den gewöhnlichen Tagesablauf der Kurgäste.
Kurz zusammen gefaßt verlief solch ein Kurtag z.B. so:
Für eine Trinkkur mußte früh aufgestanden werden. Bereits um 5.00 Uhr begann man mit der ersten Einnahme des Sagarder Wassers oder auch anderer Heilwasser, die ebenso bereit standen. Gegen 7.00 Uhr begann der Badebetrieb in der Brunnenaue, um unter Aufsicht das auferlegte Pensum verabreicht zu bekommen. Um 8.00 Uhr fing bereits ein Orchester an zu spielen, Buden öffneten,, die ein reichhaltiges Frühstücksangebot offerierten. Spaziergänge und allerlei Vergnügungen füllten den Vormittag aus, dann wurde bis 3.00 oder 4.00 Uhr nachmittags ausgiebig geruht. Nachmittags brachen die Gäste in kleinen Gruppen auf, um zu Fuß, hoch zu Roß oder im Pferdewagen Erkundungen in die Umgebung Sagards zu unternehmen bzw. längere Landpartien bis zur Steilküste Jasmunds. Am Abend traf man sich wieder in der Brunnenaue zur Promenade oder in Gesprächsrunden. Jede Woche lud Pastor v.Willich die Kurgäste zur Assemblee (gesellige Versammlung bzw. Tafel) und zum Ball.

Im Kurangebot:
Landschaftsentdeckungen und romantisches Naturerlebnis

Köhlerhütte auf Stubbenkammer  1801 Trotz preisgünstiger Quartiere, guter Bewirtung und abwechslungsreicher Unterhaltung wäre der Gesundbrunnen kaum so stark besucht worden, hätte sich nicht schon damals die Kenntnis verbreitet von den einzigartigen, faszinierenden Naturschönheiten Rügens. Ausgang des 18.Jahrhunderts strebten immer mehr Menschen in wilde, möglichst unberührte Landschaften, suchten dort nach dem erhabenen Erlebnis bei Betrachtung der Natur, ihrer Werke und elementaren Kräfte.
Pastor von Willich bezog die Landschaft Jasmunds ins Kurprogramm mit ein und hat als erster die Naturschönheiten Rügens für den Fremdenverkehr erschlossen.
Für seine Gäste ließ er einen Weg erkunden und befahrbar machen, der von Sagard Richtung Nordosten durch den dichten Wald der Stubnitz zum geheimnisvollen Herthasee und weiter zur Steilküste führte zu den Kreidefelsen der Stubbenkammer. Dort wurde eine Rasenbank aufgestellt, hinter dem Königsstuhl eine Schaukel und in einem Zelt Besuchern Kaffee angeboten. 1801 kam es zum Bau einer hölzernen "Köhlerhütte" auf dem Stubbenkammerplateau.
600 in die Steilküste geschlagene Stufen boten besonders mutigen Besuchern einen Abstieg an das Ufer der Ostsee. Auch Wanderungen zu den Aussichtspunkten in der Umgebung wie dem Tempelberg bei Bobbin und den nahen Bergen Promoisels sowie dem Dobberworth und den Opfersteinen von Quoltitz wurden empfohlen.

Wer waren die Kurgäste

Das Sagarder Kurwesen hatte ein gutes Niveau erreicht und war bewußt dem ländlichen genius loci angepasst.
Obwohl oder gerade weil es den Luxus und Glanz der feinen Gesellschaft entbehrte, hatte es manche Vorzüge gegenüber den großen Modebädern. Es herrschte in Sagard eine ungezwungene, entspannte und natürliche Athmossphäre, die strenge Standesgrenzen und Konventionen vergessen ließ.
Nur selten kam es vor, dass Vertreter der Hocharistoktatie dem ersten Kurort Rügens die Ehre gaben. Eine dieser Ausnahmen war der Fürst von Thurn und Taxis. Die meisten Gäste gehörten vielmehr dem Bürgerstand, der Beamtenschaft und dem Landadel an. Sie kamen überwiegend aus Schwedisch-Vorpommern, Mecklenburg, Preußen und Sachsen. Es gab aber auch ausländische Gäste, manchmal ganze Familien, die sich hier zur Brunnen- und Badekur aufhielten. Das waren überwiegend Schweden, aber auch einige Norweger, Engländer und Polen waren darunter. Zu den berühmtesten Gästen gehörte der Theologe F.D.Schleiermacher, der Verleger und Buchhändler G.A.Reimer und Henriette Herz, deren Salon um 1800 ein Mittelpunkt des geistigen Lebens in Berlin war.
Auch der berühmte Arzt C.W.Hufeland und der Chemiker M.H.Klaproth weilten in Sagard. Als wissenschaftliche Kapazitäten waren sie dorthin gerufen worden, um das Quellwasser zu begutachten.
Im Sommer 1796 machten zwei junge Männer im Ort Quartier, die Berühmtheit erlangen sollten: Der Dichter Herinrich von Kleist sowie der Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt.

Ende nach kurzer Blütezeit

Nur 11 Jahre dauerte es, dass Sagard ein aufblühender, weithin bekannter Kurort war. Auch die Absicht, das Kur- und Freizeitangebot der Anstalt durch die Errichtung eines Seebades bei Neuhof am Großen Jasmunder Bodden zu erweitern, wurde nicht mehr realisiert. Schon 1807 blieben infolge der Kriegsereignisse und Besetzung Rügens durch die Napoleonischen Truppen die Besucher aus, zumal auch Pastor v. Willich seine Tätigkeit als engagierter Kurdirektor beendete. 1818 wurde noch einmal von einem bürgerlichen Pächter ein Versuch unternommen. Aber dies mußte scheitern, weil Sagard mit dem neuen, viel attraktiveren Kurort Putbus nicht konkurieren konnte.

Heute ist nur noch wenig da, was aus der Zeit zwischen 1794 und 1806 stammt, als hier sommers Hunderte Gäste zur Heilbehandlung und Erholung weilten. Lediglich der Flurname "Brunnenaue" ist geblieben. Das Wäldchen mit dem sich hindurch schlängelnden Bach vermittelt noch eine vage Ahnung von dieser kurzen Ära, aber es braucht schon viel Phantasie, sich das alles vorstellen können.

Das Grab des Pastors v.Willich neben der Kirche blieb erhalten und erinnert ebenfalls an diese Zeit.